22,3 Hektar Dorfidylle – die Victoriastadt in Berlin-Lichtenberg

Umgeben von Schienen und Gleisen versteckt sich auf knapp 23 Hektar ein kleines Idyll mitten in der Berliner Innenstadt: die Victoriastadt in Berlin-Lichtenberg. Den Namen erhielt das Wohngebiet in Anlehnung an die britische Königin Victoria (1819-1901), ist aber den Einheimischen auch unter dem Namen „Kaskelkiez“ bekannt, der nach der Kaskelstraße benannt ist, die sich von West nach Ost durch das gesamte Viertel erstreckt. Während sich im Westen die hippe Szene in Friedrichshain tummelt, erstreckt sich im Norden die Plattenbaugegend Frankfurter Allee Süd und die an Sommertagen malerische Rummelsburger Bucht begrenzt die Wohngegend im Süden. Zugang hat man lediglich über die Kynaststraße und ein paar schmale Unterführungen, was das dörfliche Gefühl in der Victoriastadt noch verstärkt.

 

Lageplan Victoriastadt Kaskelkiez in Berlin Lichtenberg von A.M. Arnold

Lageplan der Victoriastadt / Kaskelkiez (2008). Die gelben Punkte sind Baudenkmäler. Quelle: Angela Monika Arnold

 

Von innen wirkt der Ort mit seiner renovierten Gründerzeitarchitektur wie ein lebendiges Museum, das in das Berlin um die Jahrhundertwende entführt – kein Wunder, denn auch schon der Berliner „Pinselheinrich“ Zille, dessen Zeichnungen das proletarische „Miljö“ der damaligen Zeit farbenfroh dokumentieren, lebte und wirkte hier fünf Jahre. Motive fand Zille hier reichlich, denn die Victoriastadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Arbeitersiedlung für die Fabrikarbeiter in Rummelsburg und Friedrichsfelde erbaut. Allerdings ließen heutige sanitäre und wohnliche Standards lange auf sich warten: In den Anfangsjahren mussten sich die Bewohner mit einer Gemeinschaftszisterne begnügen, es gab keine Anschlüsse für Gas, Elektrizität oder Wasser in der Victoriastadt.

1912 wurden der Ortsteil Boxhagen-Rummelsburg und damit auch die Victoriastadt in den Bezirk Lichtenberg eingemeindet. Den Zweiten Weltkrieg überstand die zentrumsnahe Wohngegend erstaunlich unbeschadet, nach der politischen Wende 1990 und etlichen Jahren der Hausbesetzung wurde das Gebiet saniert und unter Denkmalschutz gestellt. Dadurch lassen sich auch heute noch die vielen bebauten Hinterhöfe entdecken, in die sich verwunschene Remisen und Werkstätten einschmiegen. Die Victoriastadt gehört mittlerweile zu den architektonischen Juwelen des historischen Berlins und ist eine begehrte Wohngegend, in der etwa 3500 Einwohner (Stand 2007) zuhause sind.

Sehenswertes in der Victoriastadt/ Kaskelkiez

Schrotkugelturm

Der 1908 in der Nöldnerstraße errichtete und knapp 40 Meter hohe Schrotkugelturm ist ein Denkmal der Industriekultur und in seiner Form einmalig im Raum Berlin-Brandenburg. Die Bleischmelze Juhl & Söhne produziert hier bis in die 1940er Jahre nahtlose Bleikugeln. Dazu wurde Blei auf der oberen Plattform des Turmes geschmolzen und über Siebe in eine Fallröhre gegossen. Das flüssige Blei verformte sich so in eine Tropfenform, erstarrte langsam im Flug und erkaltete in einem Wasserbecken am Fuß des Turms. Das Gebäude mitsamt Gießerei und Wohneinheiten wurde während der DDR-Zeit vom VEB Berliner Metallguss und Modellbau genutzt und ist heute denkmalgeschützt.

Rohrpost

Freunde nostalgischer Technologien und des Postwesens kommen hinter der Einmündung der Stadthausstraße in die Nöldnerstraße voll auf ihre Kosten: hier kann man ein Postamt entdecken, das noch bis in die späten 90er Jahre an das Berliner Rohrpostnetz angeschlossen war.

Stadtplastik „Ringstadien“

In der Türschmidt- Ecke Kernhofer Straße entstand im Jahr 2002 ein Spielplatz, der zugleich auch das erste öffentliche Kunstwerk der Victoriastadt aufweist: „Ringstadien“ von Jenny Brockmann. Die massiven drei Flachringe, die schräg hintereinander stehen, sind aus unbehandeltem Stahl gefertigt und symbolisieren Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Gleich nebenan wohnte übrigens einst auch der Stadtmaler Zille mit seiner Familie.

Pfarrstraße

Die begehrte Wohngegend war einst von der Victoriastadt durch den sogenannten Kuhgraben abgetrennt, einem kleinen Fließ, das die Abwässer der ersten Bewohner in den Rummelsburger See leitete. Mit der Verlegung von Abwasserrohren wurde der Graben 1897 zugeschüttet, man erahnt allerdings noch seinen Verlauf anhand der Baulücken zwischen den Häusern. Der Straßenzug weist faszinierende Stuckfassaden auf, in den Hinterhöfen finden sich die berühmten Remisen und Werkhöfe der Victoriastadt. Aufgrund der historisch-architektonischen Nähe zur Gründerzeit wurde hier auch 1982 der DEFA-Film „Zille und ick“ gedreht, mit dem der 125. Geburtstag des Berliner „Pinselheinrichs“ gefeiert wurde.